Was autonome Menschen gegen autonome Autos haben (sollten) (Teil 2)

In Teil 1 dieses Beitrags habe ich das Paradies skizziert, das uns versprochen wird – wenn bloß endlich das vollautonome Auto und insbesondere das Robotertaxi serientauglich sein wird (was nicht mehr lange dauert, da bin ich mir sicher) und es umfassend eingesetzt werden wird.

Aber sind die Versprechen auch glaubwürdig?

 

Warum soll es auf den Straßen weniger Autos geben, wenn jedem jederzeit ein Robotertaxi zur Verfügung steht?

Sofern es beim Individualverkehr bleibt, werden auch mit autonomen, vollautomatisierten Robotertaxis in den Spitzenzeiten des Berufsverkehrs kaum weniger Autos unterwegs sein als heute. Es werden schließlich genauso viele Menschen von A nach B wollen, und (fast) jeder wird alleine im Auto fahren. Die Fahrzeugflotte, die verfügbar sein muss, um Spitzenbedarfe abzudecken, wird also kaum kleiner sein dürfen als die Flotte privater PKWs heute. Und sollen Robotertaxis so schnell und sicher verfügbar sein wie heute die Privatautos, müssten gerade in Gegenden mit ausreichend Stellplätzen (Siedlungen aus Einfamilienhäusern, Wohnhäusern mit eigenen Garagen, Bürogebäuden mit Parkhäusern usw.) nahezu ebenso viele Robotertaxis vorgehalten werden wie heute Privatautos. Noch dazu, wenn es kein „Einheitsrobotertaxi“ geben wird, sondern mehrere Modelle (vielleicht auch mehrerer Anbieter), die unterschiedliche Nutzergruppen ansprechen. Dann reicht es nicht, dass in einer Straße so und so viele Autos des Einheitsmodells vorgehalten werden – notwendig ist ein mehrfaches davon der diversen Modelle. Eine Aussicht, die die Autohersteller freuen dürfte.

Kein Zweifel habe ich daran, dass durch die effizientere Verkehrsführung vernetzter, vollautomatisierter Autos sich die Fahrzeit pro Auto verringern wird. Allerdings wird durch die deutlich niedrigere Nutzungsschwelle von Robotertaxis die Zahl der Teilnehmer am motorisierten Individualverkehr gleichzeitig größer werden. Denn nun können (was vielfach durchaus positiv ist) auch solche Menschen alleine und jederzeit mit dem Auto fahren, die es bisher nicht oder kaum konnten: Führerscheinlose, Behinderte, Kinder, Alte und diejenigen, die sich kein eigenes Auto leisten konnten oder wollten. Dies dürfte die Anzahl an Autos in Fahrt und damit die Summe der Fahrzeit aller Autos wieder erhöhen. Dazu kommen die Zubringerfahrten der Robotertaxis zu den Orten, an denen die Passagiere einsteigen wollen (was aber durch den Wegfall der Fahrten zur Parkplatzsuche in Städten aufgewogen werden könnte).

Den schönen Bildern nahezu autofreier Innenstädte, die von den Apologeten vollautomatisierter, geteilter Autos gezeichnet werden, mit viel Raum für Fahrradfahrer und spielende Kinder, traue ich also nicht. Auch beim umfassenden Einsatz von Robotertaxis werden ähnlich viele Straßen und Parkplätze benötigt wie heute. Und sollten entgegen meiner Erwartung tatsächlich Parkplätze frei werden und die Straßen weniger voll, werden die Lücken zumindest in einer Übergangsphase schnell mit „normalen“ Autos gefüllt: Denn dann wird die Teilnahme am motorisierten Individualverkehr im eigenen Auto auch für diejenigen wieder attraktiv, die prinzipiell mit dem Auto fahren könnten, bisher aber darauf verzichtet haben, der vielen Staus wegen und weil man am Zielort eh keinen Parkplatz findet.

 

Lassen sich mit vollautomatisierten Autos die Unfallzahlen wirklich verringern?

Wenn es nur noch vollautomatisierte Autos geben wird, könnte sich dieses Versprechen tatsächlich erfüllen. Aber es wird eine Übergangszeit geben, in der neben vollautomatisierten Autos auch „herkömmliche“ Autos und teilautomatisierte Autos unterwegs sein werden. Und es wird immer „nicht-automatisierbare“ Verkehrsteilnehmer geben: Fußgänger, Fahrradfahrer, Kinder, Tiere usw.

Der Einsatz von voll- oder teilautomatisierten Fahrzeugen führt – wie jede Automatisierung von Tätigkeiten – zu schleichendem Kompetenzverlust der Menschen: Je seltener ein Fahrer selber steuert, Gas gibt und bremst oder gar mit einer potenziell gefährlichen Situation konfrontiert ist, weil z. B. Assistenzsysteme ihn davon befreien, desto schlechter dürfte seine Reaktion sein, wenn er doch mal eingreifen muss. Hier müssen wir von den Herstellern verlangen, dass die automatisierten Systeme beim Praxiseinsatz so ausgereift sind, dass ein Eingreifen niemals nötig sein wird. Und wir müssen hoffen, dass jemand, der sich an ein (teil-) automatisiertes Auto gewöhnt hat, niemals gezwungen sein wird, ein Auto zu fahren, dem auch nur ein einziges sicherheitsrelevantes automatisiertes Teilsystem fehlt.

Noch gefährlicher aber sind die Verkehrsteilnehmer, die nicht vollautomatisiert unterwegs sind: Menschen sind Idioten, wenn man sie lässt, und sie werden sich Robotertaxis gegenüber wie Idioten verhalten. Es wird genügend Verkehrsteilnehmer geben, die im Vertrauen, dass ihnen die voll- oder teilautomatisierten Autos schon ausweichen werden, absichtlich oder aus Unvermögen zu schnell fahren, riskant überholen, die Vorfahrt nehmen, bei Rot über die Ampel fahren oder gehen, dicht auffahren, plötzlich bremsen, unvermittelt die Fahrbahn befahren oder betreten usw. Die automatisierten Systeme müssten schon sehr gut auf die Idiotie der Menschen trainiert sein, um in diesen Situationen bestehen zu können.

Nicht bestehen werden aber die weniger gut trainierten Verkehrsteilnehmer, die diesen Idioten begegnen: andere Fahrer „herkömmlicher“ Autos, Fahrradfahrer, Fußgänger, Tiere. Und so ist zu befürchten, dass, wenn mehr voll- oder teilautomatisierte Autos unterwegs sein werden, es auch mehr Unfälle zwischen nicht automatisierten Verkehrsteilnehmern geben wird.

Und dabei ist die Anfälligkeit jedes (vernetzten) Systems gegenüber Fehlern, Defekten oder gar Sabotage noch gar nicht bedacht.

 

In Teil 3 dieses Aufsatzes werde ich endlich meine eigentliche These begründen: Autonome Autos sind vieles – nur kein Mittel zu mehr Autonomie. Sie sind im Gegenteil mit das letzte, was selbstbestimmt leben wollende, liberale Menschen wollen sollten.

Ein Kommentar

  1. Ich persönlich habe nichts gegen autonome Autos: Ich setze mich rein, lese während der Fahrt z.B. ein Buch, manchmal lehne ich mich zurück und schlafe ein – und komme am Ende ausgeruht und entspannt an meinem Zielort an ohne mich darüber zu ärgern, dass ich mit dieser Fahrt schon wieder Zeit verschwendet habe. Auf das Selbst-Steuern verzichte ich ja schon, wenn ich mit einem Bus oder Zug fahre. Auch da lasse ich mich fahren und fahre eben nicht selbst – und an ein Eingreifen meinerseits in einem Notfall erscheint mir für solche Kontexte auch eher unwahrscheinlich. Im Übrigen bin ich auch ein lausiger Pilot 🙂

    Die Horrorszenarien, die Du da ausmalst, sehe ich nicht so extrem. Derzeit werden ja entsprechende technische Lösungen erstmal noch getestet und weiterentwickelt. Dass es durch die Einführung autonomer (und ich meine AUTONOM und nicht AUTOMATISCH) Fahrzeuge zu mehr Verkehrsunfällen kommen wird, denke ich nicht. Zum Einen wird man nichts davon in den Straßenverkehr einführen, was man nicht zuvor jahrelang auf alle nur erdenklichen Weisen getestet hat. Zum Anderen – Selbst wenn es Unfälle gibt: Man kann davon ausgehen, dass die Software mit jedem Unfall lernt und besser wird. Die Hardware wird sich ebenfalls mit jeder Iteration verbessern. Auf lange Sicht wird hier also die menschliche Idiotie keine Chance mehr haben – da bin ich mir ziemlich sicher. Im Übrigen zieht die Befürchtung eines „menschlichen Kompetenzverlustes“ als Argument – zumindest in diesem Kontext – nicht wirklich. Sie unterstellt nämlich, dass Menschen angeblich über entsprechende Kompetenzen verfügen. Ich wage mal, das zu anzuzweifeln.

    Nicht zuletzt sollte man auch in Betracht ziehen, dass gerade für den Stadtverkehr die dritte Dimension immer mehr an Relevanz gewinnen wird. An Flugautos wird bereits getüftelt und Elon Musk versucht gegenwärtig mit seiner Boring Company, Teile des Stadtverkehrs (auch Parkplätze!) kostengünstig unterirdisch auszulagern. Mit der Erschließung der dritten Dimension wird letztendlich in Innenstädten dann vor allem eines überflüssig werden: Öffentliche Verkehrsmittel. Man wird keine Busse, Straßen-, S-, oder U-Bahnen mehr benötigen. Der damit verbundene Wegfall von Schienentrassen, Haltestellen, Bahnstationen und besonderen Nebenspuren wird mehr Platz für Individualverkehr bereitstellen (und hoffentlich auch mehr bezahlbaren Wohnraum – hmm). Ich vermute auch, dass ein erheblicher Teil zukünftiger autonomer Taxis in den Städten deutlich kleiner sein wird als heutige PKW-Boliden. Die werden eher die Größe von Smarts haben – und dadurch lassen sich auf Parkplätzen und in den Straßen rund 30% mehr Fahrzeuge unterbringen. Durch autonome Taxis wird auch die Notwendigkeit wegfallen in der Stadt unbedingt sein eigenes Auto haben zu wollen – da keinerlei Personalkosten anfallen, wird die Fahrt mit einem solchen Taxi deutlich günstiger sein als heutige Taxifahrten – sozusagen ein öffentliches Verkehrsmittel, das einen direkt vor der Haustür abholt.

    Und jetzt warte ich erstmal den dritten Teil dieses Blogs ab – ich ahne, dass dann die richtige Grundsatzdebatte erst los geht 🙂

    Grüßl
    Mikel

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